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Nachrichten aus dem Atelier

© Copyright Texte und Bilder: Sebastian Walter-Lilienfein

 

21.01.2015

Hallo, habe heute einen neuen Kalender gekauft, Chefkalender 2015 steht auf dem Titelblatt.
Da ich der Boss bin hab ich zugeschlagen, ja, ich bin der Direktor in meinem eigenen, kleinen Laden, deswegen brauche ich einen Chefkalender!
Ich sitze gemütlich im Sessel, Chefsessel, hier in meiner kleinen Bilder-Firma und harre meiner eigenen Entscheidungen bezüglich der Produktion, der Arbeitsbedingungen etc., toll!
Habe mir gerade einen Kaffee gekocht, solche Sachen muss der Chef nicht selbst erledigen, da habe ich mich für! Ich behandele mich allerdings nicht von oben herab und versuche einen kollegialen Umgang mit mir zu haben, das zahlt sich auf lange Sicht immer aus …
Ich habe auch tolle Musik angemacht, das tut uns Beiden gut, Asa, eine Nigerianerin, sehr toll, sehr relaxt, müsst ihr mal googeln, habe Weihnachten etwas springen lassen, damit es hier relaxt und entspannt zugeht. Es geht nichts über gute Arbeitsbedingungen und einen guten Umgang miteinander.
Sehr geil, wie dass hier läuft, da geht man auch entspannt an große Formate heran. Groß denken, nicht klein klein, sag ich immer, groß und mit Weitsicht, immer am Puls der Zeit, das ist das Wichtigste in der Kunstproduktion.
Der Puls der Zeit schlägt in meinen Adern, in meinem Herzen, ich bin der Boss, nicht vergessen!
Eine geile Rolle, die ich hier spiele, einfach eine geile Rolle!
Das lebe ich dann eben auch im Umgang mit mir, wie gesagt, Kollegialität, also Kunstproduktion im Rhythmus mit dem Personal, kein Arbeiten gegen die Kräfte, von denen man schließlich abhängig ist.
Kein Druck von oben, wir sind eine Firma in der das Miteinander ganz groß geschrieben ist, eine sehr, sehr geile Firma!


 

04.01.2013

Hallo!
SWL begrüßt Sie zum neuen Jahr.
Er freut sich auf anregende, spannende Stunden in seinem Atelier.
Zum Jahreswechsel, insbesondere am Neujahrstag verfiel er zeitweise in einen Zustand von Unruhe und Enge, versuchte sich auf einem Spaziergang durch diesige Landschaft selbst Gehör zu verschaffen und sich auf die Schliche zu kommen.
Gegen 17 Uhr gelang es ihm schließlich, sich in ein gutes Fahrwasser zu geleiten.
Möge er im neuen Jahr bei sich bleiben, solidarisch sein inneres Kind an die Hand nehmen und ihm immer wieder zeigen, dass es spaß macht zu leben, zu tun und zu machen, wenn man bei sich bleibt und sein Zentrum fühlt.
Plötzlich tut sich dann Raum auf – tun wir uns Räume auf!



18.04.2012

Du Nichtsnutz, so wurde Sebastian Walter-Lilienfein früher ab und zu beschimpft, als er noch ein kleines, oder schon etwas größeres Kind war.

Zwar hatte er sich das nie sehr zu Herzen genommen, in der Schule jedoch schien es eine drückende Bestätigung zu finden, dieses nicht nützlich sein, jedenfalls war da eine durchgehende große Belastung, als bliebe er ständig irgend etwas schuldig …

Später wusste SWL dann, dass ein Kind nicht da ist, um zu nützen, und dass auf eine Gesellschaft, die nicht bereit ist, die ganze Hand zu reichen, allenfalls den kleinen Finger, kein Verlass ist …
Er versuchte also mit vielen Gleichgesinnten möglichst wenig nützlich zu sein, nahm Drogen um ausgemustert zu werden, ging mit Trommeln in den kleinen Rest übrig gebliebener Natur (so empfand er damals), schrieb Tu nix! auf ein Banner und zog mit anderen nach Berlin, ein naiver, glücklicher Leistungsfunktionsgestörter zu diesem Zeitpunkt.

In diesem Alter glaubte SWL dem Ideal des Nichtsnutz als Künstler möglichst nahe zu kommen und begann ein Studium der Malerei …
Hier aber unterlag er mit vielen anderen, die ähnlich dachten, einem Irrtum, großer Selbsttäuschung. Schon die Zeremonie der Aussonderung durch die Aufnahmeprüfung hätte ihn skeptisch machen müssen!

Heute denkt er: Wir Auserwählten ließen uns zu Novizen eines Götzenkultes machen …
Viele von uns glaubten, hinter Staffeleien verschanzt, ein großes Fehlen ausgleichen zu können, eine Schuld zu tilgen, von der wir gar nicht wussten, dass sie auf uns lastet. Ein Joch, das misstrauisch und missgünstig macht. Wir wurden zu Verrätern am Ideal des Nichtsnutz!

SWL glaubt, dass es unter Künstlern eine unerkannte Sucht, eine Sehnsucht nach gesehen werden, erkannt, entdeckt werden gibt, geliebt werden …
Was aber, fragt er sich, bedeutet Anerkennung, Erfolg, Ruhm und, im Gefolge, Geld für den Künstler in dieser Gesellschaft?

Sebastian Walter-Lilienfein hat festgestellt, dass darin die offizielle Bestätigung seiner Nützlichkeit liegt!



25.03.2010

Gestern war es wieder da, ich horchte auf das Knirschen, vielleicht, dass es sich aus der Nacht, dem Traum herüber gestohlen hatte.
Es ist nicht leicht zu beschreiben, dieses Knirschen, es ist sehr leise, hat aber etwas angespannt scharfes, wie ein unendlich feines, allgegenwärtiges Splittern, als würden feinste atomare Strukturen bersten.
Obwohl ich es nur in meinem Kopf hören kann weiß ich, es ist der Boden, auf dem ich stehe.

Ich weiß noch wie ich mich umsehe, stehen bleibe und in den Gesichtern der Menschen forsche, die meinen Weg kreuzen. Aber ich kann dort nichts entdecken, keine Angst, keinen Schrecken.
Sowie ich versuche mich damit zu beruhigen: „Na siehst du, keiner merkt etwas, du spinnst“, zwingt mich ein Brummen, kein Geräusch, das dumpfe Brummen eines elektrischen Stroms, den Blick abzuwenden, nach innen zu richten.

Alle meine Außenseiten, mein Fühlen in die Welt hinein muss ich nach innen stülpen, Gedanken, mit denen ich versuche mich in beruhigenden Gefilden zu verankern, lustvolle Wünsche, die mich sonst immer erden sind entfallen, alles muss ich nach innen krempeln, eilig, um dem Strom zu entgehen, obwohl es sich widersetzt wie ein frisch genähtes Stück, dass sich nicht wenden lassen will.
So nach innen gekehrt, alle Kraft und alle Sinne gebündelt auf das Knirschen gerichtet, lässt sich die Angst ertragen.

Ich weiß, es ist der Boden, auf dem ich stehe: Eine unendlich gespannte, hauchdünne Eisdecke von deren Zerbrechlichkeit nichts kündet als eben jenes Geräusch. Scheinbar nur ein Warnton, eine feine Ankündigung, ist es auch ein Kanal, auf dem meine Sinne etwas von der Struktur der Fläche erfahren können, eintauchen in diese unendlich feine Verästelung aus starren, fast transparenten Strukturen, auf denen unser ganzes Sein, unsere Welt, unser Denken und Handeln ruht.

Während ich nichts als angespannte Konzentration zu sein vermag weiß ein Teil von mir um die blinde, satte Selbstgewissheit um mich her, das Zweifelsfreie, als gäbe es nur eine Realität und nur eine Wirklichkeit.
Dort ist nur Interesse an Antworten; alles Handeln tut, als sei es Antwort, als gäbe es einen sicheren Baugrund, einen festen Standpunkt.
Hätte ich genügend Raum, so würde ich diese Welt belächeln...  so aber sehne ich mich nach einer bequemen Wahrheit, sei sie auch Lüge; der gnadenlosen Naivität des Tüchtigen gehört mein Neid.


 

30.01.2010

Die Verwandlung der Dinge

»In meinem Fantasie-Kabinett: Keine Geschichten mehr. Keine. Etwas Anderes ist dringlicher geworden als alles: Das Ding, die Dinge. Und keineswegs, wie es früher war, herzerfreuend sicherer Besitz, Hausrat, Chardin. Anders. Dinge im Notstand. Dinge um Existenz ringend, zuckend, beschwörend, beschworen; auch freche Worte rufend wie die Kinder vor dem Hexenhaus, bevor sie wegrennen. Dinge, die fragen: Was bin ich? und: Bin ich? Man müße ja taub sein, wenn man den Notschrei nicht hörte.«
                              Erhart Kästner, Der Aufstand der Dinge, Insel Verlag 1973, (S. 175)

Hören wir den Dingen zu.
Lasst uns nichts über die Dinge sagen, sondern ihnen zuhören und ihnen zur Sprache verhelfen.
Versuchen wir eine Kontaktaufnahme mit den Dingen, versuchen wir in Beziehung zu treten, vielleicht wird sich unser Sein im Sein der Dinge spiegeln, und wir über diesen Umweg zu Erkenntnis gelangen.
Erkenntnis über unser Dingsein.
(Lauschen wir auch in den Raum zwischen den Dingen, den Raum zwischen uns und den Dingen...)

Der Gegenstand erzählt vom Gegenstandsein, davon, im Strom der Zeit zu stehen, zeitüberschüttet zu sein, zeitüberflutet, in der Zeit zu ertrinken...
auch darin sind die Dinge unsere Kameraden.

Dinge, ein Stillleben, eine Installation bildend –
tauchen ein in neues Licht, in neue Zusammenhänge, um auf anderen Bedeutungsebenen aufzutauchen – nicht mehr ihren ursprünglichen Nutzen repräsentierend, sondern sich wandelnd.

Stillleben als etwas das spiegelt, Dinge die raunen:
»...komm, wir sind hier unter uns, geselle Dich dazu in unsere heimatlich fremde Welt, wir sind Du, wir waren Du und werden Du sein...
Während das Jetzt in die Ferne gleitet, in der Ferne entgleitet, betritt mit uns den in die Fremde gerutschten Kontinent aller vergangenen Jetzt; spiegle Dich in uns und erkenne Dich wieder, wir öffnen Dir Deine verschlossenen Kammern, wir sind Deine verschlossenen Kammern...
Reise mit uns in Deine entlegenen Räume.
Gemeinsam kriechen wir unter den Sand, den Staub der Auflösung, hier, im Verein verwandeln wir uns zu uns...«

Stillleben ist Kreisen um den Ort, den Zustand »Ich«, ist Zeuge der schmerzvollen und schönen Kernverschmelzung von Individuum und Welt.


 

25.02.2009

... immer wieder überschüttet von zermürbender Langeweile, einer Langeweile, die das Geheimnisvolle ins vulgäre, entblößende Licht des Banalen zerrt, ihm seine Schleier und Gewänder raubt, in denen sich Mondlicht und huschende Schatten verfangen hatten, zitternde Zeichen hinterließen...
...immer wieder Trauer um den Verlust der von Klarheit durchwehten, aufrufenden Gesten, die ein sonniger Herbsttag mir auf das Hemd malte, auf die Brust, in die Stirn hinein...
...immer wieder ausgewischt, immer wieder untergetreten in den Schlamm, immer wieder ein Verschwimmen in bleiernem Grau bis zur Unbeweglichkeit...
Immer wieder gibt der Morast in Traumgebilden, die weit in den Tag ragen, die alten schweren Ketten geerbter, längst vergangener Sünden frei und du fühlst wie sie sich winden, wie sie knirschend sich an den Fundamenten deiner zarten Behausung reiben.



16.05.2008

Ein Mann, der mit ausgebreiteten Armen in der S-Bahn die Zeitung las, gab mir heute unbeabsichtigt Gelegenheit, die Abbildung eines Meisterwerks von Lucian Freud und die dazugehörende Schlagzeile wahrzunehmen: "Höchster je erzielter Preis für Werk eines lebenden Künstlers."

Das Bild zeigt - Lucian Freud typisch - Fleisch als etwas das sich von Geburt an im Übergangsstadium befindet. Es ist das brutale und doch liebevolle, mitleidsvolle malerische Nachvollziehen eines Menschen in der Nacktheit seiner Vergänglichkeit. Wie ein winziges, verschrecktes Tier verbirgt sich die Seele einer Frau in einem riesigen Berg aus Fleisch.

Dieses Bild - monumentale Metapher für die ausgesetzte Situation des Menschen im Leben - war einem Bieter 33 Mio. Dollar wert.

Einige Seiten vorher bot mir die gleiche Zeitung einen Bericht über das Erdbeben in China und seine unzähligen Opfer. Bilder von aus dem Schutt geborgenem, zerfetztem Fleisch, Nachricht über vernichtete Existenzen.

Dieses Ereignis - ein anderes Denkmal unserer Sterblichkeit - hat an einem weit entfernten Ort auf dieser Erde mehrere zehntausend Menschen das Leben und Millionen ihre Existenzgrundlage gekostet.



Februar 2008

Lieber Bernhard,

mit Dir haben wir einen Freund verloren, einen sehr guten, aber auch sehr schwierigen Freund.
Die schwierigen Freunde sind uns oft die nächsten: In ihnen spiegeln sich unser eigener Kummer, unsere eigene Lebensschwere, das Gefühl der Vergeblichkeit der eigenen Existenz am stärksten wider. Der Verlust eines solchen Freundes geht besonders zu Herzen.

Ich muss mich allerdings fragen, warum ich in den letzten Jahren, als Du schon gezeichnet von der Krankheit und unglücklich warst, Dir zu wenig geholfen, Dich zu selten besucht, warum ich nicht mehr bei Dir war.

Die Antwort ist schwierig und einfach zugleich:
Schwierig, weil es schwer fällt einzugestehen, dass mir Dein Leid Angst gemacht hat, dass ich zu feige war, mehr von Deinem Leid auf mich zu nehmen.
Einfach, weil Du es durch Deine Art, durch Dein Besitzergreifen, Deine Hartnäckigkeit, durch Dein mit dem Kopf durch die Wand gehen fast unmöglich gemacht hast, Dir zu helfen. Das Wegschauen schien so etwas wie ein notwendiger Selbstschutz.

Was aber – um mich von diesem schmerzlichen Punkt abzuwenden – was eigentlich ist die Substanz einer Freundschaft, wie sie uns verband?

Ich lasse meine Erinnerung zurückschweifen und merke, dass ich der Mensch, der ich war als wir uns wirklich kannten, als unsere Freiheit in der selben Richtung lag, zu leben ein geteiltes Abenteuer war und wir uns in einem gemeinsamen Hier und Jetzt wohlfühlten, dass ich dieser Mensch immer noch bin.
In einer Zeit, in der man sich rückhaltlos seinen Sehnsüchten nach Intensität, nach Grenzüberschreitung hingibt, in einer Zeit, in der der Wunsch, gesellschaftlicher Enge zu entkommen, durch einen mutigen Ausritt auf dem wilden Pferd einer bewusstseinserweiternden Droge ausgelebt wurde, haben wir uns wirklich gekannt.
Diese rational betrachtet kurze Zeitspanne von wenigen Jahren, in Wirklichkeit aber durch die Intensität des Erlebens weit gedehnte, geheimnisvoll reiche Reise durch eine prägende Lebensphase, ist der Nährboden unserer Freundschaft.

In meiner Erinnerung sitze ich neben Dir auf einer Bank im Hofgarten... Es ist nass – kalt, es nieselt... Vorhin hast Du Dir einen Entenrufer, so eine kleine Holztröte in einem Jagdgeschäft gekauft und wir sitzen nun hier und sehen über die graue, aufgeraute Wasserfläche eines weiten Hofgartenteiches.
Wir haben ein Pfeifchen geraucht, reden wenig, sind ganz in das Hier und Jetzt eingesponnen, sind Teil der Szenerie wie die Wasservögel, Enten und Schwäne.
Wir sind durch das Fenster unserer Augen, all unserer Sinne hinausgetreten und zu Teilhabern an einer Lebendigkeit geworden, die uns meistens versperrt ist, zu der wir den Schlüssel verloren hatten.
Hier, in diesem Raum, in dieser Kühle und Weite, in diesem Möwenschrei, Entenquaken und Blätterrascheln tut sich die einzige Freiheit auf, das Ticken keiner Uhr hallt bis hierher.
Eine Frau, die ihren Hund spazieren führt, geht vorüber und ich spüre noch wie damals die unendlich große Entfernung zu diesem Menschen, der nah vorüber ging aber in einer ganz anderen Sphäre existierte. Der Hund aber, der um uns herum wedelte, uns beschnüffelte, war auf geheimnisvolle Weise Teilhaber unseres Zustandes.
Als beide schon weit entfernt waren reichte ein einziger Ton aus dem Entenrufer um ihn zu uns zurückzulocken, und wir hatten eine kindliche Freude daran, gegen die aus immer größer werdender Entfernung kaum noch zu hörenden Befehle, die Macht unseres magischen Lockmittels zu erproben und die Nähe des Tieres zu spüren.

Tja, Bernhard, in die Magie des Zeitanhaltens, des Entschlüpfens zwischen den Zeilen hindurch, die der Ticker unseres Bewusstseins als nicht endende Folge von Nachrichten und Informationen schreibt, des Entschlüpfens in einen Zustand gesteigerter Präsenz, gesteigerten Seins, hast Du mich eingeführt.
Zumindest sind die stärksten Erinnerungen an solche magischen Zustände mit Dir verknüpft.
Ich erinnere Dich an unsren Ausflug mit Jochen B. an die Mosel, wo wir während eines Weinfestes auf einen LSD-Trip gingen, der eine so erlebnisvolle Reise wurde, das davon zu erzählen einen ganzen Roman füllen würde. Ich weiß allerdings auch noch wie leer und ausgebrannt wir danach in der Normalität ankamen.

Tja, das Ankommen in der Normalität war – und ist – eines der Hauptprobleme für uns. Das Ankommen im Alltag, in der Gesellschaft, in diesem festgezurrten System aus Bedeutungen, Verhaltensmustern, Pflichten, in das wir seit frühester Jugend hineingezwungen werden, ohne dass es je wirklich gepasst hätte...
Aber die Quelle, die unseren jugendlichen Idealismus lebendig und kreativ gemacht hatte, versiegt leider mit dem Älterwerden und Reisen wie die, von der ich eben gesprochen habe, verlieren die Eigenschaft mutiger Entdeckungslust. Irgendwann bewegt man sich auf morastigem, sumpfigem Gelände, bleibt stecken auf diesen ausgetretenen Fluchtwegen...
Das Gefühl des Scheiterns, das mich überkommt, wenn ich an Dein Sterben denke ist auch deshalb so schmerzlich, weil es daran erinnert, das Leben Gratwanderung bedeutet, für jeden von uns; jeder steht sehr nah an seinem Abgrund.

Ich möchte Dich noch daran erinnern, wie nah wir früher schon an einem Abgrund gestanden haben.
Vor zwei Jahren, als Du an Susannes Geburtstag einen ganzen Nachmittag zu Besuch warst, schon sehr von der Krankheit gezeichnet, habe ich Dir vorgeworfen, dass wir, wenn es nach Dir gegangen wären, beide schon lange tot wären. Ich habe Dir vor Augen geführt wie sehr Du mich zu überreden versucht hattest, damals, auf Kithira in Griechenland, vielleicht 1978, zu einer Insel hinauszuschwimmen, von der man nur in sehr weiter Ferne Felsen aus dem Wasser ragen sah. Du bist mit großer Zähigkeit wieder und wieder in mich gedrungen das Unternehmen zu wagen. Auf einer großen Landkarte sahen wir Tage später dass die Insel in 15 km Entfernung auf offenem wellenbewegten Meer lag. Ich wäre mit Sicherheit ertrunken und Du, spätestens bei dem Versuch, mir zu helfen, auch.
Aber dass Du mir geholfen hättest, daran habe ich niemals auch nur eine Sekunde gezweifelt.

Vielleicht war ja immer schon so etwas wie eine versteckte Todessehnsucht in Dir (denk zum Beispiel an die Kanufahrt auf dem Colorado River, von der Du oft erzählt hast, wo Du beinahe mit Melissa, Deiner damaligen Freundin in der Schlucht geblieben wärst) - Tod aber, das gibt mir die Erinnerung an Dich sehr schmerzlich zu spüren, bedeutet immer die Vergeudung eines großen Reichtums.

bernhard_kl
"Bernhard"
Bleistift/Rötel auf Papier,
32 x 25, 1982



Januar 2008

Ich kann nicht schlafen, mein Lieber, sitze hier mit kalten Füßen und muss Dampf ablassen...

Unsere frei schwebenden Geister...
Unsere luftigen, weit atmenden Seelen... in Sippenhaft genommen, das Gefieder von den stickigen, lichtlosen Erinnerungen vieler Generationen verklebt...
Wir sind wie ein Wurf junger Möwen inmitten einer Ölpest, vergebliches Flügelschlagen um der zähen Gegenwart aus Vergangenheit zu entkommen.
Und blicke ich über den Rand unseres kleinen, privaten Sumpfes, wende ich den Blick ab von meinem und meiner Geschwister Strampeln und Winden, blicke ich vorbei an den angespannten Gesichtern, verfangenen Existenzen, sehe ich Sumpf ringsum, soweit mein Blick trägt.
Schau genau hin, nicht nur nachts, in der S-Bahn, in der Bahnhofshalle, wo es neonbeleuchtet in aller Schärfe und Kälte in die Gesichtszüge und Körperhaltungen geschnitten ist. Gehe mit sehenden Augen zum Beispiel über den Weihnachtsmarkt im verbauten Zentrum irgendeines vor Jahrzehnten annektierten Stadtteils...
Lausche auf die Klänge der Kapelle, die auf der provisorischen Bühne zum billigen Glühwein spielt, betrachte den unnützen Ramsch und Kitsch, der hinter hölzernen Tresen feilgeboten wird, Jahr um Jahr das gleiche Zeug...
Glaub mir, es ist nicht nur das nass-kalte Wetter, dass unter Deine Jacke kriecht und Dich frösteln lässt!
Die Geschichten hinter dem betrunkenen Lachen, hinter einer zotigen Liedzeile, einem Wortfetzen, hinter der Tristheit einer Auslage, hinter dem Schweigen eines jungen Menschen, der die Ponys im Kreis führt und der eigenartigen Teilnahmslosigkeit, mit der das Pferdchen seinen Kopf hängen lässt...
Etwas, das hinter all dem hervorlugt, rieselt Dir den Rücken hinunter.

Aber auch wenn Du im Strom der Passanten auf der Kö treibst, dem Kudamm, Du begegnest nur Menschen, die eilig und mit gewichtigem Ernst, in der ganzen Fülle ihrer Bedeutung ihre Köpfe in fremde Angelegenheiten gesteckt haben, ihre ganze Aufmerksamkeit nichtigen Ämtern widmen, nur um einer fürchterlichen Angst, einer Unfreiheit zu entkommen.
All das ist Strampeln, die feinen noblen Läden; ist hilfloses Winden, die edlen Marken, das laute Klimpern mit dem erbeuteten Säckel...

Tja, das musste mal gesagt werden, montags, 1 Uhr 30 in der Nacht.

All die Gesten der Macht, dieses Einrichten im Wohlstand, in der Wohlanständigkeit, in dem Gefühl des "wohlverdient", alles das ein perfektioniertes Wegschauen, das ganze Leben eine große Geste des Abwendens von der kollektiven Wunde, die sich wie ein roter Faden durch Generationen und Nationen zieht, als gäbe es tatsächlich eine Erbsünde, eine Erbschuld.
Statt aber auf die Fähigkeit, die Anlage zur Freiheit und Gleichheit zu vertrauen, sperren wir den Begriff in den Heiligenschrein des Grundgesetzes und verschanzen uns lieber hinter Rechten, Pflichten, Machtgesten und Verzichtsgesten, Bedeutungen und Zuweisungen, hinter gesellschaftlichen Strukturen, die der Freiheit den Atem nehmen.
Keiner von uns hat wirklich gelernt zu vertrauen. Wir sind alle verkümmert, missgebildet, verkrüppelt an der Fähigkeit zu vertrauen.

Es gibt keine Freiheit jenseits des Vertrauens, mein Lieber, so sehe ich das.


 

Mitte 2007

Intschu-Tschuna

Reichlich silberne Strähnen leuchten im sonst noch recht vollen, welligen Haar - das sagt mir der abendliche Blick in den Spiegel.
Doch das zufriedene Lächeln erstirbt bei einer Assoziation, die plötzlich hereinschneit: Die Erinnerung an eine Figur, einen Mann..., woher noch..., plötzlich dämmert es herauf aus frühen Kindertagen, aus einem Film, Winnetou 1, aber nicht Winnetou..., nicht Old Shatterhand..., Sam Hawkins...
Wer oder was ist nur die Ursache für diese Erinnerungskette?
Plötzlich ist sie da; eine peinliche Szene: Ein alter Mann mit grauen Strähnen im welligen Haar zertrümmert mit einem Tomahawk den Boden eines Indianerkanus, um sich beim Kampf mit dem für ein Gottesurteil vom Marterpfahl entlassenen Old Shatterhand einen unrühmlichen Vorteil zu verschaffen.
Wie heißt nur diese Figur, die noch nach so vielen Jahren in der Lage ist, einen schlechten Geschmack auf meiner Zunge hervorzurufen...
Mir dämmert, dass dieser schlechte Geschmack die späte Materialisierung eines Schamgefühls ist, dass eine zarte unschuldige sechsjährige Seele für einen Mann empfand, dessen unfaire Vorteilsnahme sein klägliches Scheitern um so erniedrigender erscheinen ließ...
War es Winnetous Vater? Woher nur kam meine damalige Identifikation mit einer Person, die vom Regisseur oder Autor missbraucht wurde, um den Wert der Hauptfigur in ein heroisch-glamouröses Licht zu setzen, deren Triumphe mir schon damals unangenehm, schleimig und anbiedernd erschienen...
Schämte ich mich für den Alten, weil ich damals ein Wiedererkennen vorwegnahm, das sich erst jetzt, vierzig Jahre später vollzieht...
Wer blickt gerade aus dem Spiegel?

Intschu-Tschuna!



Januar 2006

Drei Könige, die allesamt heilig waren, besuchten mich in meiner Klausur.
Es war etwa der 6. Januar und ich hatte mich schon seit einiger Zeit in Räumlichkeiten zurückgezogen, die mich weitgehend von der restlichen Welt abschieden. Ich versuchte mich gerade auf das zu konzentrieren, was dieses Zurückziehen in meinen Augen rechtfertigen konnte, besser gesagt rechtfertigen musste, denn ich lebte damals und übrigens heute noch unter dem Druck ein nützlicher Teil der Gesellschaft sein zu wollen. Immer aber leide ich unterschwellig unter dem Gefühl, die Zeit, die ich für meine Ideen verwende (beträchtlich viel), denen gestohlen zu haben, die fremdbestimmt und schwitzend ihr Geld verdienen müssen. Einem kleinen hutzeligen Männlein in mir würde ein großer Stein von der Seele fallen, wenn er hoffen dürfte in den Augen dieser Menschen als jemand dazustehen, der etwas nicht ganz Unwesentliches getan hat.

Was die eingangs erwähnten Könige betraf, so waren das einfach Herren, die mir Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten. Sie kamen zu einem Zeitpunkt als ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte. Einer stellte sich als Herr ... vor, ein nicht sehr angenehmer, etwas satt wirkender Mann im Pensionsalter mit kräftigem Händedruck. Ehrlich gesagt etwas zu kräftigem, er hielt meine Hand den Augenblick zu lang und zu fest, wie ein Besitzergreifen. Es lächelte aus dem rötlich-fleischigen Wohlergehen in seinem Gesicht, und er behauptete ohne Umschweife begeistert zu sein von Duktus und Linienführung.
Ich lächelte unsicher zurück, so etwas hört man schließlich gern.
Einer von ihnen, eine Dame, stellte Fragen, die an ihrer Kompetenz keinen Zweifel ließen und eigentlich Antworten waren. Sie sagt Dinge wie: "Natürlich, der Realismus ist heute eine mögliche Position unter vielen...," nimmt ihre Brille von der Nase, geht nah heran, leicht vorgebeugt, um sich kurz darauf mit energischem Schwung mir zuzuwenden: "Ist Ihnen ... ein Begriff?"
Ich fühle mich am Boden zerstört weil ich - überrumpelt - nicht lügen kann und verneinen muss.
Der Dritte sagte nichts. Von Anfang an hatte er sich in einen Sessel gesetzt und mit unnahbar-wissender Miene geschwiegen. Eigentlich aber hatte es nichts mit der Miene zu tun, die ganze gut situierte, leicht angegraute Person strahlte diese Überlegenheit aus.
Wahrscheinlich guckte er sogar freundlich, mit einem Anflug von Mitleid.
Ich fühlte sofort, noch bevor ich etwas sagen würde, wüsste er schon was. Nein, dieser Herr im grauen Tweedsakko war nicht auf mich angewiesen, brauchte mich nicht und bemühte sich trotzdem, Interesse zu zeigen.
Ich geriet allmählich ins Reden, ins Erklären, geriet in Fahrt, simulierte Selbstbewusstsein, gab mich großtuerisch bescheiden und rückhaltlos offen und sagte sicher auch interessante, kluge Dinge, denn ich denke über die Welt nach. Aber, anders als bei einem guten Gespräch unter Freunden, überkam mich schnell eine Enge, als spräche ich in einen Trichter der hinten verschlossen ist; in ein zu enges Gefäß... Und flüchtete mich ins Weiterreden, das Schlimmste, was man tun kann.
Die Herren spüren meine Verzweiflung hinter den Worten, sie riechen mangelndes Selbstbewusstsein, bevor es sich überhaupt zeigt. Sie sehen darin gewiss keine Stärke, gehen im Allgemeinen nicht nachsichtig damit um. Trotzdem verläuft der Abschied dann gnädig kollegial. Es liegt viel Anerkennung darin wie sie mir Weihrauch und Myrrhe überreichen - und Gold, ja Gold..., aber das entpuppte sich später, nachdem ich wieder zu mir gekommen war, doch eher als Goldglitter oder Flitter, wie sagt man, na ja - es schien mir doch eher unechter Tand. Ich zog in Erwägung es fachkundig untersuchen zu lassen; bis heute bin ich nicht dazu gekommen.
Wenn einen die Heiligen drei Könige besuchen, rechnet, nein hofft irgend etwas in einem darauf, angebetet zu werden, so etwas gibt man nicht gerne zu.
Was ich erlebt habe, war weit davon entfernt. Die Gaben waren unnütz, lästige Staubfänger. Vielleicht kann ich sie mal in ein Stillleben einbauen.
Schwerer wiegt der Staubfänger, den sie in meinem Kopf hinterließen, folgende Aussage:
"Die wichtigste Aufgabe des Künstlers ist es in der Einsamkeit seines Ateliers danach zu streben, seinem Werk Bedeutung zu verleihen."
Dieser Satz wurde irgendwann während des Besuchs, ich weiß nicht mehr von wem der Herren, in den Raum gestellt. Obwohl er in meinen Ohren pathetisch, fast prahlerisch klingt und etwas Lächerliches hat, bekomme ich ihn nicht weggerückt...
Es gibt mir zu denken, dass er auch jetzt noch wie eine Forderung auf mir lastet, wie eine nicht bezahlbare Schuld.


Sebastian Walter-Lilienfein
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